ALISA’S EXPERTENBLOG NR. 3: FÜR STADIONRASEN GEBE ICH 110 %

Die Bundesliga hat viele gute Stadionrasen. Auf den ersten Blick sehen fast alle erstmal gleich aus, aber jeder Rasen ist anders und stellt unterschiedliche Anforderungen an den Greenkeeper. Bereits der Standort spielt dabei eine entscheidende Rolle, ob im Norden, der Mitte oder im Süden Deutschlands.

Ich spüre das selbst an den milderen Temperaturen hier in Darmstadt im Vergleich zu Ostwestfalen. Mittlerweile habe ich als Greenkeeperin sozusagen einen Vereinswechsel hinter mir und bin von Arminia Bielefeld zum SV Darmstadt 98 gewechselt. Hier bin ich für den Stadionrasen und die Trainingsplätze verantwortlich. 2019 haben wir – genauer gesagt meine Kollegen Tim, Bernd und Uwe - den „Pitch of the Year“ Award für den besten Platz in der 2. Bundesliga erhalten. Eine gute Gelegenheit, über Stadionrasen zu reden und welche Bemühungen dahinterstecken.

Für den Rasen im Stadion am Böllenfalltor geben mein Team und ich alles.

Stadionrasen muss in Topform sein

Eigentlich stellt sich mir die Frage nach dem Unterschied zwischen Stadionrasen und Rasen auf Trainingsplätzen nicht wirklich. Viele Vereine erwarten auf dem Trainingsplatz die gleichen guten Bedingungen wie im Stadion. Heißt, hier muss genauso gedüngt, gewässert und gemäht werden. Aber Hand aufs Herz: Im Stadion gibt sich jeder Greenkeeper besonders viel Mühe und ist mit noch mehr Liebe am Werk. Schließlich ist der Stadionrasen im TV zu sehen und jeder schaut hin. Außerdem ist die Platzqualität wichtig für das Spiel der Mannschaft. Also schaue ich noch genauer hin und investiere mehr Arbeit. Die Pflege eines Stadionrasens ist auch deshalb anders, weil die Überdachungen weniger Licht und Regen reinlassen, im Gegensatz zu den Trainingsplätzen, die völlig unter freiem Himmel liegen.

Wasser, Licht, Luft und Wärme

Schätzt mal, wie viel Wasser ich im Sommer alle 2-3 Tage pro Quadratmeter auf einem Rasen verteile! Dabei machen Stadion- oder Trainingsplatz kein Unterschied. 15 Liter pro Quadratmeter! Im Winter geht es hingegen darum, den Rasen mit Wärme und Licht zu versorgen, damit er weiterwächst. Wenn ein Spiel stattfindet und Bodenfrost herrscht, muss ich etwa vier Tage vorher die Rasenheizung einschalten, damit der Boden die richtige Temperatur hat und die Spieler beste Bedingungen vorfinden. Außerdem nutze ich im Herbst, Winter und Frühjahr UV-Lampen im Stadion, um den Lichtmangel auszugleichen. Hier in Darmstadt benötige ich aktuell keine Lampen, da das Stadion relativ lichtdurchflutet ist. Um den Rasen zu Trocknen und gegen Pilze und Rasenkrankheiten zu schützen, werden in großen Stadien üblicherweise Ventilatoren für die Oberflächenbelüftung des Rasens eingesetzt. Das brauche ich hier nicht zu machen, weil genug Luft in dieses Stadion reinkommt. Allerdings belüfte ich den Boden regelmäßig alle 4 bis 6 Wochen maschinell per Vertidrain. Der Boden wird dadurch gelockert, sodass mehr Luft in den Boden eindringen kann und er schneller trocknet. Außerdem fördert das maschinelle Belüften das Wachstum der Wurzeln nach unten. Natürlich säe ich ganzjährig Rasen an besonders beanspruchten und beschädigten Stellen nach. Dazu nutze ich eine Saatmischung mit viel Lolium, also Weidelgras, damit der Rasen schnell wachsen kann. Meine Lieblingszeit ist das Frühjahr, trocken und so 22° C. Das sind die perfekten Temperaturen zum Arbeiten und alles läuft rund. Das Mähen funktioniert bei Trockenheit perfekt, die Messer schneiden besser und der Mäher verstopft nicht so schnell.

Mit einem lasergesteuerten Markiergerät können wir die Linien millimetergenau auftragen.

Muster mähen und Linieren

Während die Trainingsplätze nur 1-2-mal pro Woche per Spindelmäher mit Walze und ansonsten mit dem Aufsitzmäher gemäht werden, mähe ich im Stadion vor Spielen den Platz 2 x quer und 2 x längs mit dem Spindelmäher mit Walze. Im Winter etwas weniger, weil der Rasen ansonsten leiden könnte, denn die Grasnarbendichte und das Wachstum nehmen in dieser Zeit ab. Durch das Walzen und die unterschiedliche Mährichtung in Quer- und Längsrichtung entsteht das typische Schachbrettmuster im Rasen. Das Gras weist dann in zwei verschiedene Richtungen, wodurch die Hell-Dunkel-Optik entsteht, je nach dem aus welcher Richtung man schaut. Die Breite der Streifen ist vorgegeben, allerdings sind nur die Querstreifen Pflicht. Sie helfen dem Linienrichter bei Abseitsentscheidungen. Die Längslinien machen wir nur wegen der schöneren Optik.

Bei den Linien gibt es strenge Vorschriften, die einzuhalten sind und auch kontrolliert werden. Die Linien dürfen max. 12 cm breit sein und die Torlinie muss mit der Hinterkante des Torpfostens abschließen. Um die Linierung ganz genau hinzubekommen, linieren wir im Stadion nur mit dem Laser und nie von Hand. Das braucht zwar mehr Zeit, aber dafür hat man perfekt gerade Linien als Ergebnis. Neu hinzugekommen ist in dieser Saison die Videokontrollzone für den Schiedsrichter, denn der Video Assistant Referee (VAR) wurde auch in der 2. Bundesliga eingeführt. Während der Saison messe ich regelmäßig die Rasenqualität, also Narbendichte, Scherfestigkeit, Wasserdurchlässigkeit und Ebenflächigkeit. Der Rasen wird über die ganze Saison hinweg von den Spielern und Schiedsrichtern bewertet. Daraus wird ein Ranking erstellt, auf dem die Bewertung für den „Pitch of the Year“ Award basiert. Am Ende der Saison wird das Spielfeld noch einmal geprüft, um das Endtableau festzulegen. Im letzten Jahr habe ich mit dem Hybridrasen im Stadion von Arminia Bielefeld den 3. Platz belegt.

Das Muster im Rasen sieht nicht nur super aus, sondern hilft auch dem Schiedsrichterteam.

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

In der Spielsaison habe ich volles Programm. Wenn ein Heimspiel ansteht, fange ich vier Tage vorher an zu mähen, jeweils 2,5 bis 3 Stunden täglich, 2 x quer und 2 x längs. Wenn es die Anstoßzeit und der Sonnenaufgang zulassen, mähe ich am Spieltag nochmal. Vor allem im Sommer, zur Wachstumsperiode, ist das oft notwendig, da kann man dem Rasen fast beim Wachsen zusehen. Im Winter ist es vor den Spielen aufgrund der Anstoßzeiten meist noch zu früh und zu dunkel, um zu mähen. Die Linierung mache ich meist einen Tag vor dem Spiel, um noch Puffer zu haben. Sollte z. B. das Liniergerät kaputt gehen, bleibt noch Zeit zum Reparieren. Ansonsten gehört es zu meinen Aufgaben, die Tore aufzustellen, die Netze zu spannen sowie die Eckfahnen einzustecken. Jetzt werden mich viele beneiden: Ich bin bei jedem Heimspiel dabei! Allerdings nicht nur zum Zuschauen. Nach dem Aufwärmen der Spieler und in der Halbzeit mache ich mit einer Forke die Löcher im Rasen zu. Wenn das Spiel zu Ende ist, klappe ich die Tore hoch und räume die Eckfahnen weg. Gleich am nächsten Tag nach dem Spiel stehen das Mähen mit dem Sauger, die Nachsaat sowie das Zumachen von Löchern auf meinem Plan.

Übrigens: Als Greenkeeperin achte ich beim Fußballschauen immer zuerst auf dem Rasen und stelle meine Diagnose. Meine Familie kennt das schon. Dann wird gefachsimpelt, warum der Platz so gut oder so schlecht aussieht. Berufskrankheit eben!

 

Nach dem Warmmachen, in der Halbzeitpause und nach dem Spiel schließe ich die Löcher im Rasen mit der Forke.

Zurück